„Was ist Taiji?“

waren die Worte, die seinen Mund verließen, und seine dunkelbraunen Augen waren fest auf mich gerichtet. „Was nun“, dachte ich, wie die Frage meistern, wie einem Dreijährigen, der mir vorher stolz erzählt hatte, er sei nicht eins, nicht zwei, sondern schon drei Jahre und würde in den Kindergarten gehen.

Was ist Taiji?

Wie die große Tiefe des Taiji in einfachen Worten dem Kleinen nahe bringen, ohne ihn in der Stehenden Säule zu korrigieren oder ihn gegen mich schieben zu lassen. Denn wir befanden uns zu alledem auch noch in einem Restaurant, gefüllt mit Menschen und einer kritisch beobachtenden Mutter. Ich wusste ja um die Schwierigkeit, die Komplexität des Taiji einem Erwachsenen verständlich darzulegen, aber wie viel schwieriger ist es erst bei einem Dreijährigen nur mit Worten.

So versuchte ich es über Phänomene, die er selbst schon beobachten konnte, dass die Dinge um ihn herum alle anders seien, Junge/Mädchen, Tag/ Nacht, Kalt/Warm, und sich ständig wandelten. Ich hörte mich sagen, dass im Winter keine Blätter an den Bäumen seien, im Sommer aber schon, worauf er sofort konterte, dass einige Bäume aber noch Blätter hätten und auch der Weihnachtsbaum ganz grün sei.

Und schon saß ich wieder in der Sackgasse. Diese versuchte ich zu verlassen, in dem ich seine Mutter als Beispiel heranzog, dass sie ja schon ganz groß wäre und viel essen würde, er jedoch klein sei und weniger essen würde. Und so sei es eben auch in der Natur, die großen Blätter bräuchten viel Essen, da aber im Winter nur wenig Essen da sei, könnten nur die kleinen Blätter oder Nadeln an den Bäumen bleiben. Das verstand er, doch sofort folgte wieder die Frage, was sei denn nun Taiji?

Ja, eben dieses Prinzip der Wandlung, das uns umgibt, durchdringt und alle Dinge in Ihrer Vielfältigkeit erscheinen und wieder vergehen lässt. Ein Nach-Außen-Dringen und ein Sich-Zurückziehen, ein Nach-unten-Sinken und ein Emporsteigen. Doch auch das wären nicht die richtigen Worte gewesen, geschweige denn zu sagen, dass man durch Taiji das Kämpfen erlernen kann, denn wie erwähnt, die Blicke der Mutter waren fest auf uns geheftet.

Taiji muss ja erfahren werden und lässt sich nur schwer in Worte fassen, denn für die Beschreibung einer tiefen Erfahrung sind Worte zu arm, ihre Aussagekraft zu gering. Worte bleiben nur Beschreibungsmodelle, die nur eine Annäherung, einen Hinweis auf das tiefer dahinter liegende sein können. Durch Worte kann ich nichts erfahren, sie befriedigen unseren Intellekt, unser Ego, sie richten sich immer an der Sichtweise der sprechenden Person aus und werden deshalb auch ständig falsch verstanden und/oder interpretiert. In den wirklich bewegenden, ergreifenden Momenten wie einem Sonnenuntergang, einem Lächeln, einer sanften Brise an einem Sommertag, eben in all jenen Momenten, wo unser Inneres berührt wird, fehlen uns einfach die Worte, weil Niemand mehr da ist, der diese Worte sagen könnte. Daher die Sprachlosigkeit. Etwas spricht in uns.

Erst später versuchen wir dann, den Moment zu beschreiben, mit einem anderen zu teilen, aber das vorher Erfahrene geht über jedes Wort hinaus. Auch die Weisen wussten um diese Schwierigkeit, sprachen genau aus diesem Grund in Parabeln und Gleichnissen, die erst verstanden werden können, wenn die Erfahrung erfahren wurde.

Aus diesem Grund reden wir ja auch nicht während der Praxis des Taijiquan, wir schweigen, die Worte verlieren ihre dominante Stellung, und an ihre Stelle tritt das unbeschreibliche Erfahren, das aus der Stille geboren wird.

Deshalb versiegten dann auch meine Worte an den Kleinen, und ich beschloss, ihm lieber vor der Tür ein Stück aus einer Taiji-Form zu zeigen. Vielleicht würde er ja das dahinterliegende erahnen, das, was sich mit Worten kaum beschreiben lässt, und vielleicht würde er sich ja später an dieses Gefühl erinnern und sich auf die Suche begeben nach dem Erfahren. Vielleicht.........oder ich werde die richtigen Worte finden... das nächste Mal.


Claudia Mohr
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