Wie war das noch mal mit der Lust?

Neulich sah ich in einem meiner vielen Lieblingsfilme eine bemerkenswerte Szene. Ein Mann kehrt von seiner Arbeit zurück und bringt seiner Frau eine in Zeitungspapier eingewickelte Birne mit, die er ihr als Geschenk auf den bereits gedeckten Tisch legt. Etwas später hört man ihre große Freude über die vorgefundene Birne. (Wer errät aus welchem Film diese Szene ist erhält eine gratis Stunde...)

Natürlich dachte ich sofort darüber nach, ob dort in mir noch jene kleine Nische der Freude über die einfachen Dinge vorhanden ist und was eigentlich geschieht auf dem Weg von dieser Freude hin zur Nicht-Freude.

Wo liegt der Moment des Wandels von Freude zur Gewohnheit?

Beobachte ich Kinder ist für sie die Welt ein einziges riesiges Forschungszentrum, alles ist aufregend, spannend und neu. Sie haben riesige Lust alles für sich zu entdecken. Doch irgendwann hört diese Lust auf und wandelt sich in Gewohnheit.

Lust

Würden wir das Beispiel mit der Birne weiterspinnen, würde der Mann jeden Tag eine Birne mitbringen, würde binnen kurzer Zeit die Birne zur Gewohnheit werden. Die Frau würde die Birne jetzt erwarten, ja sich sogar darüber ärgern, wieso er immer nur Birnen mitbringt und nicht mal etwas anderes. Würde dann wiederum eines Tages die Birne nicht mehr auf dem Tisch liegen, würde und da bin ich mir ganz sicher, ein großer Sturm auf den Mann hereinbrechen, warum, wieso, weshalb es jetzt keine Birne mehr gibt.

Kurzum, die Freude wandelt sich in Gewohnheit, die Gewohnheit in Erwartung, die nicht erfüllte Erwartung in Leid und das Leid in Aggression.

Ist nun die Lösung erst gar keine Birne mitzubringen?

Wie kann ich mich davor bewahren den Schritt von der Freude zur Gewohnheit zu gehen, oder gar noch weiter? Wie bewahre ich mir meine Lust?

Betrachte ich es aus der Sicht des täglichen Taijitrainigs, ist es ja auch etwas, was ich täglich mache. Der Unterschied besteht jedoch darin, das i c h täglich trainiere, das heißt ich bin der aktive, es entsteht etwas aus mir heraus, unabhängig von meiner Umgebung.

Das zweite ist der Geist, das Bewusstsein. Ich erforsche mich jeden Tag neu, erlebe mich jeden Tag neu. Keine Form ist wie die Andere, kein Tag ist wie der Andere, ich bin jeden Tag anders. es sind keine leeren Bewegungen, sondern ich fülle sie von Tag zu Tag mehr mit Bewusstsein, sprich mit Geist.

Und hier könnten wir der Lösung schon einen Schritt näher gekommen sein. Erlebe ich meine Form jeden Tag neu, erlebe ich mich jeden Tag neu und so müsste das ja auch auf meine Umgebung zutreffen. Und plötzlich ist die heutige Birne nicht mehr wie gestrige und erst recht nicht wie die morgige. Ich begreife über das Training die permanente Wandlung in mir selbst von Minute zu Minute und kann verstehen, das, wenn ich selbst permanent in Wandlung bin, wie kann ich da erwarten das meine Umgebung immer gleich bleibt.

Die Kunst die Wandlung zu erkennen, führt zur Freude an der Erforschung der Wandlung und nicht zu letzt zur Hingabe an die Wandlung. So kann allmählich die Angst vor der Wandlung in Lust an der Wandlung umgewandelt werden und somit löst die Birne jeden Tag neue Freude in mir aus, was sicherlich nicht heißt, das ich nicht ab und zu auch einen Apfel essen könnte, denn der Apfel wird bestimmt irgendwann Birne und umgekehrt.

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