Harmonie

Im Laufe der Jahre hörte ich viele Aussagen von Meistern der verschiedensten Stile, wie z.B:

„Frauen können kein Taiji lernen, sie müssen sich in den Lehrer verlieben, um ernsthaft zu lernen“
„Sie beginnen alles was der Freund macht. Wenn die Beziehung vorbei ist, beenden sie auch das Angefangene“.

Auch wenn diese Zitate vielleicht teilweise aus ihrem Zusammenhang genommen sind. Für viele Frauen trifft das sicherlich zu. Hat doch dieses Verhalten seinen tiefen Ursprung in der Rolle, die die Gesellschaft der Frau über lange Zeit zugewiesen hat. Sie war gezwungen und ist oftmals zumindest noch gewohnt, sich über ihren Mann zu definieren.

Sie hat gelernt sich anzupassen, jedoch ohne sich selbst, sprich ihrem eigenen Zentrum bewusst zu sein.
Doch ebenso wie beim Pushhands kann ein Anpassen ohne eigenes Zentrum nur zum Verlieren führen.
Und hier gerade liegt die große Chance für die Frau durch das Taijiquan-Training. Sie wird auf sich selbst zurück geworfen, sie schaut ständig in den eigenen Spiegel und dieser reflektiert nur ihr eigenes Bild. Das ist anfänglich sehr unangenehm, da die angenommenen Gewohnheiten, wie beispielsweise das permanente Agieren im Äußeren, nur ungern dem Neuen weichen wollen.
Normalerweise werden Veränderungen nur in der äußeren Erscheinung vorgenommen. So versuchen wir uns von den Anderen zu unterscheiden.
Doch diese Unterscheidung ist sehr oberflächlich. Die stille der stehende Säule lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Wesentlichste zurück, auf uns Selbst.
Es gibt während des Stehens keine Ablenkung von außen und vieles, was lange im Verborgenen lag, tritt zu Tage, was nicht immer angenehm ist.

Großmeister Chen Xiaowang sagt:

„Alle sind gleich, unterschiedlich im Äußeren, innerlich jedoch finden sich die gleichen Wünsche, Vorstellungen und Probleme.“

„In guten und schlechten Zeiten das Zentrum zu bewahren“, sagt er weiter, „ist der Weg zur Harmonie“.

Die wahrhafte Veränderung beginnt mit der Neujustierung unserer inneren Waage. Die stehende Säule hilft die Abweichungen von unserem Zentrum zu Tage zu bringen, sie zu erkennen und Stück für Stück zu verändern. Körper und Geist kommen zur Ruhe. Wir lernen unseren eigenen Raum kennen und auszufüllen. Aus dieser Ruhe heraus verändert sich unsere Wahrnehmung, die unsere Realität kreiert. Wie beim Pushhands kann ich mit einem starken Zentrum meine Handlungen der Aktion des Gegners anpassen ohne das Zentrum zu verlieren.
Und hier gibt es auch keine Unterscheidung mehr zwischen Mann und Frau, der Ansatz ist der gleiche.

„Das wichtigste Prinzip“, sagt Großmeister Chen Xiaowang, „ ist die Natürlichkeit“.

Harmonisieren wir Yin und Yang fallen sie in sich zusammen und alle Unterscheidungen fallen weg.
Es entstehen in sich selbst stehende Wesen, die harmonisch miteinander umgehen und sich nicht mehr von einander abgrenzen müssen, da jeder genau seinen Raum kennt und somit auch den Raum des anderen aus der Natürlichkeit heraus respektiert.
Deshalb ist das Arbeiten am Prinzip ein wahrhafter Schritt, damit Männer und Frauen sich wahrhaft einander annähern können. Abgrenzung ist nicht mehr von Nöten, denn die Äußerlichkeit hat ihre Wichtigkeit verloren.
Begreift nur Eine bzw. Einer dieses Prinzip, kann es an Andere weitergetragen werden, wie ein Stein, der ins Wasser fällt und dessen Ringe sich immer weiter ausbreiten - aber zuerst muss dieser Stein ins Wasser fallen.

Claudia Mohr 2004
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