Auszüge aus Chen Xins Buch

„Chen Shi Taijiquan Tushuo“

Chen Xin

Inhalt

  1. Buddhas Wächter stampft mit dem Stößel
  2. Den Mantel befestigen „lan zha yi“
  3. Die einzelne Peitsche „dan bian“
  4. Buddhas Wächter stampft mit dem Stößel 2

Vorwort

Übersetzen ist äußerst schwierig, wie ich in den letzten Wochen feststellen durfte. Sehr leicht verfällt man der Versuchung seine eigene Sichtweise mit in den Text einzuflechten, sein eigenes Verständnis mit einzubauen.
Die zweite Schwierigkeit ist das Übersetzen einer Übersetzung und dem Gefühl dabei, dass der Übersetzer den Originaltext vielleicht nicht richtig ausgelegt haben könnte. Leider bleibt mir der Zugriff auf den Originaltext verwehrt auf Grund nicht vorhandener chinesisch Kenntnisse.
Dies soll nur ein kleiner Hinweis sein für den Fall, dass das Übersetzte manchmal nicht so verständlich, bzw. von mir nicht erklärt wurde, um eine gewisse Neutralität zu wahren.
Des Weiteren habe ich versucht den Text so deutsch wie möglich zu halten, also auch so wenig Fremdwörter wie möglich zu benutzen, wobei ich feststellen durfte, dass das Deutsche von vielen Fremdwörtern geprägt ist, die wir täglich benutzen, deren Bedeutung klar ist, aber für die das deutsche Wort weniger bekannt ist.
Mir hat das Übersetzen viel Freude bereitet, auch wenn es sehr zeitaufwendig war und ist, in der Vorstellung, dass die vielen Leser, die des Englischen nicht so mächtig sind, nun auch einen Zugang zu diesen wichtigen Texten zum Taijiquan bekommen können.
Und vielleicht finden wir ja eines Tages das von Chen Xin Geschriebene in uns selbst während des Trainings.

Schaubild von „wuji“ oder „ohne äußere Begrenzung“

„Wuji“ oder die Leere, das Nichts ist der große Urzustand, genannt das große Durcheinander (Chaos).

Chen Xin Schaubild I.III.I.

Fig.I.III.I:
Schaubild von „wuji“ oder
„ohne äußere Begrenzung“

Dies ist der Augenblick der beginnenden Ankunft, wenn der Ausübende (Praktizierende) auf der (Vorführ-)bühne erscheint, aufrecht stehend, den Blick gerade nach vorne gerichtet, körperlich und geistig in einem gefestigten Zustand, mit einer natürlich fließenden Atmung.
Es ist wichtiger die Stille im Inneren zu suchen, durch ein bewusstes Bemühen, als durch eine steife (starre) Haltung. Die Schultern hängen locker herab, die Ellenbogen sind gesunken, die Arme sind gelöst und gesunken, die Handflächen nach innen gewendet in Richtung der Oberschenkel.
Diese Vorbereitungen verhindern das Verkanten und Blockieren der Schultern und Ellenbogen.
Die Schultern bleiben in einer natürlichen und entspannten Position, die Füße sind schulterbreit auseinander und die Zehen zeigen gerade nach vorne, parallel zu einander. Die Ruhe (Stille) des Körpers bedeutet die Stille (Ruhe) des Geistes. Der Geist ist frei von Gedanken - der Geist sollte angefüllt sein mit Nichts (Leere), ohne einen einzigen Gedanken.
Ein Zentrum in Ruhe stellt das Große Durcheinander (Chaos) oder „wuji“ dar, dieser Name beschreibt den anfänglichen kosmischen Zustand des Nichtgeteilten (Differenzierten) vor dem Erscheinen der Formen. Deshalb wird die Form auch Vollendetes Nichts genannt.

„Taiji“ wird aus „wuji“, dem Vollendeten Nichts, geboren. Auch wenn dieser Zustand (taiji) etwas, ein durch ein Geräusch / Laut Geformtes, bezeichnet, ist es trotzdem immer noch die Absolute Leere (Absolutes Nichts).
Umgekehrt kann auch der Zustand „wuji“ (Endgültige, Vollständige Leere / Nichts) auch als „taiji“ bezeichnet werden.
Obschon „taiji“ als formlos und lautlos gilt, ist es doch die Urquelle des Samens einer großen Frucht, der Form annimmt und sich schließlich in einen Setzling wandelt.
Dies ist das formlose, neugeborene Triebwerk (Mechanismus) der Bewegung und Bewegungslosigkeit, noch nicht ausreichend geformt (ausgeformt) um einen Samen hervorzubringen oder darzustellen. Himmel und Erde sind noch in dem Zustand der Einheit (des Ungeteilten, des Nicht-Unterscheidenden) oder des Großen Durcheinander (Chaos), „wuji“, ein gebräuchlicher Name um den ursprünglichen kosmischen Zustand des Nichtgetrennten / Unterschiedenem zwischen yin und yang zu beschreiben.

Auch wenn das Triebwerk (Mechanismus) der Differenzierung schon besteht, kennzeichnet es die Beschaffenheit gerade vor dem Auftritt der Formen, der zentrale Punkt zwischen den gegensätzlichen Antrieben / Impulsen von dem die schöpferische Tätigkeit ausgeht.
Dieser Übergang von äußer Stille zur Bereitschaft für Bewegung ist bekannt als Zustand / Weggang / Übergang von „wuji“ zu „taiji“.
Bewegung wird das Aufsteigen von reinem / klaren „qi“ (Energie) zum Himmel und das Herabsinken von schmutzigem oder verunreinigtem „qi“ (Energie) zur Erde bewirken. Vor diesem Zustand gibt es keine Unterscheidung zwischen reinem (klarem) und unreinem „qi“ / Energie. Folglich haben die Vorfahren den Begriff „taiji“ benutzt, den Nichtgeteilten Zustand zu beschreiben durch die Darstellung von Himmel und Erde, „yin und yang“ und den 5 Phasen*, einem Zustand jenseits jeglicher Namen und Konzepte.

Wenn von „taiji“ gesprochen wird, bedeutet dies die anfängliche / beginnende Form von Yin und Yang und der 5 Phasen.
Bei der Vorbereitungsstellung der „taiji“ Ausübung (Formlaufen), obwohl die 4 Gliedmaße (Arme / Beine) noch bewegungslos sind, ist das innere Triebwerk (Mechanismus) von „yin und yang“, von Öffnen und Schließen, von Wachstum und Zerfall (Rückgang), von Fülle und Leere, enthalten im Geist / Herz und Unterleib, gut versorgt aufgrund der richtigen Stellung des ganzen Körpers.
Es ereignet sich in diesem Moment die Vereinheitlichung des Willen und der Konzentration (des Geistes), wenn die Form (Stellung) hochachtungsvoll und sorgsam behandelt (vorbereitet) wird, während das dualistische (zweifache) Prinzip von „yin und yang“, Öffnen und Schließen, Wachstum und Zerfall (Rückgang), Fülle und Leere und so weiter immer noch jenseits sichtbarer Offenbarwerdung ist und dadurch nicht erklärt, noch benannt werden kann.
Um des klaren Verständnis Willens wird der Begriff „taiji“ benutzt, um die Anfangs- oder Vorbereitungsphase der gesamten Routine / Form zu beschreiben.
Vorbereitung ist nötig um die eigene Balance herzustellen und zu berücksichtigen vor der Bewegung. Obwohl nicht sichtbar für das Auge, ist es entscheidend. Bevor der Übende mit der „taiji“-Form beginnt muss er sein Herz reinigen und seinen Geist von Gedanken leeren. Folglich wird der Übende Gelassenheit besitzen und die körperliche und geistige Verfassung steht in ihrer Gesamtheit zur Verfügung um das Triebwerk (Mechanismus) des „taiji“ in Gang zu setzen. Das Ziel des Übenden ist es die zwei Extreme zu vereinen um zu „wuji“ zurückzukehren, sowie das Üben und Erfüllen (Bewältigen) der „taiji“ Routine.